Vortrag: Vom Mär der „Grünen Gentechnik“

05.04.2014, Diverses

Vortrag bei der Mitgliederversammlung der Kreisverbände Leverkusen, Bergisch Gladbach und Oberberg, 05.04.2014

In meiner Tätigkeit als Abgeordneter bekomme ich ja viele skurrile Zusendungen. Vor ein paar Wochen war da z.B. eine Broschüre des „Forums Grüne Vernunft“. Die Broschüre trägt den Titel „Grüne Gentechnik – Das Vokabular des Schreckens: Ein Sieg von Greenpeace und Co gegen die Naturwissenschaft in Europa“. In dieser Broschüre werden Gentechnik-Gegner mit Nazis verglichen. Denn, so der Vorwurf, Gentechnik-Gegner würden sich mit ähnlich diffamierenden Methoden wie die Nazis gegen den wissenschaftlichen Fortschritt und den Sieg der Vernunft – das heißt in diesem Fall: den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft – wehren.

Der Tenor dieser Broschüre ist nicht verwunderlich, wenn man sich die Mitglieder des sogenannten „Forums Grüne Vernunft“ anschaut. Da ist etwa eine Mitarbeiterin des Verbandes deutscher Pflanzenzüchter darunter oder ein ehemaliger Mitarbeiter von BASF.

Doch trotz dieser leicht durchschaubaren Diffamierungs-Versuche: Die Gentechnik-Befürworter stoßen mit ihrer Argumentation, das richtige wissenschaftliche Argument auf ihrer Seite und das gesamtgesellschaftliche Gemeinwohl zum Ziel zu haben, auch in der Politik, bei den Medien, ja in der Gesellschaft als Ganzes auf immer mehr Zustimmung.

Es sind insbesondere drei Argumente, mit denen die Gentechnik-Befürworter zu punkten versuchen:

1. Die Gentechnik ermögliche eine ökologischere, nachhaltigere Bewirtschaftung des Bodens – daher auch die Bezeichnung „Grüne Gentechnik“.

2. Der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft stelle für Mensch und Umwelt keinerlei Risiko dar. Die Bedenken gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft seien wissenschaftlich nicht haltbar.

3. Nur mithilfe der Gentechnik könne die steigende Weltbevölkerung ernährt werden.

Ich möchte diese drei Argumente widerlegen – und aufzeigen, dass der Einsatz von Gentechnik keine Probleme löst, sondern alte Fehler in der Agrarpolitik wiederholt und zusätzlich neue Probleme schafft. Dabei werde ich mich vor allem auf die gesellschaftspolitischen Probleme konzentrieren, die mit Einführung der Gentechnik verbunden sind – als Sprecher für Welternährung der Bundestagsfraktion ist das das Gebiet, wo ich mich am besten auskenne.

Die politische Auseinandersetzung mit Gentechnik ist im Moment aus mehreren Gründen zentral. Erstens hat die EU vor kurzem den Anbau des gentechnisch veränderten Mais 1507 erlaubt. Vielleicht könnt ihr euch noch an das Rumgeeiere der deutschen Bundesregierung in dieser Frage erinnern. Mehrere Minister haben sich ja gegen die Zulassung ausgesprochen, schlussendlich hat sich Deutschland bei der Abstimmung auf EU-Ebene aber enthalten. Und jetzt versucht sich insbesondere die CSU als Garant für eine gentechnikfreie Landwirtschaft aufzuspielen. Ein absurdes Spiel! Gerade Deutschland hat die Einführung eben nicht verhindert!

Zweitens setzen deutsche Viehalter immer mehr gentechnisch veränderte Futtermittel ein. Die jüngsten Preissenkungen Fleischbereich haben Aldi und Lidl gar damit begründet, dass in der Tierhaltung vermehrt billiges Gen-Futter verwendet wird. Der Einsatz von Gen-Futter bleibt aber bisher meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle deutscher Konsumentinnen und Konsumenten.

A propos Wahrnehmungsschwelle: Geht es nach dem Wunsch der Bundesregierung und der EU-Kommission, sollen ja auch die derzeitigen Geheimverhandlungen zwischen der EU und der USA zur Verabschiedung eines transatlantischen Freihandelsabkommens unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle bleiben. Sollte das sogenannte T-TIP verabschiedet werden, ist damit aber einem massiven Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft Tür und Tor geöffnet – transnationale Unternehmen wie Monsanto könnten dann nämlich unter dem Vorwand des Investitionsschutzes gegen Anbauverbote einzelner Mitgliedsstaaten oder Bundesländer klagen. Zudem würde dann wohl auch die Kennzeichnungspflicht bei Nahrungsmitteln, die gentechnisch veränderte Zutaten enthalten, wegfallen. Wir als LINKE hoffen natürlich, dass der massive Protest von uns und vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen die Verabschiedung von T-TIP verhindern wird.

Wie ihr seht, gibt es also reichliche Gründe, sich die Argumente der Gentechnik-Befürworter etwas genauer anzuschauen. Also los:

Erstens behaupten Unternehmen wie Monsanto, Bayer, BASF oder Syngenta, der Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut führe zu weniger Gift-Einsatz auf den Äckern, und sei damit ein Beitrag zu einer nachhaltigeren landwirtschaftlichen Produktion.

Ganz kurz einige Sätze dazu, was bei dem Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft überhaupt passiert: Der Einsatz von Gentechnik verfolgt vor allem zwei Ziele, nämlich die behandelten Pflanzen entweder immun gegenüber dem Einsatz bestimmter Spritzmittel zu machen besonders – das bekannteste solche Spritzmittel ist das Breitbandherbizid Roundup von Monsanto – oder Stoffe zu produzieren, die potentielle Schädlinge tötet. Gentechnik-Firma argumentieren nun, dass durch diese Resistenzen weniger Spritzmittel ausgebracht werden müssten.

In der Praxis hat sich aber gezeigt, dass der Einsatz von Spritzmitteln sich in der Gentechnik-Landwirtschaft sogar erhöht hat. Denn Agrarunternehmen, die mit pestizidresistenten Saatgut arbeiten, gehen viel sorgloser mit Spritzmitteln um. Zudem sind in diesen Fällen verwendeten Herbizide wie Roundup von Monsanto besonders aggressiv und schädigen nicht nur die Umwelt, sondern auch die Gesundheit der Menschen, die die Giftstoffe über die Nahrung zu sich nehmen. Außerdem bildet die Natur auch gegen diese aggressiven Herbizide irgendwann Resistenzen aus, was die Entwicklung neuerer, noch aggressiverer Spritzmittel notwendig macht. Es ist sicher kein Zufall, dass sich unter den lautstarken Gentechnik-Befürwortern Konzerne wie BASF oder Syngenta befinden, die ihr Geld im Wesentlichen mit Agrar-Chemikalien verdienen.

Der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft führt also nicht zu einer gezielten Vernichtung von Schädlingen, sondern zu einem breitflächigen Kahlschlag in Flora und Faune, der eine drastische Reduktion der Biodiversität zur Folge hat und alles andere als nachhaltig ist.

Damit wären wir schon beim zweiten Argument der Gentechnik-Lobby. Behauptet wird ja, dass der Einsatz der Gentechnik keinerlei Risiko für den Mensch und die Umwelt darstelle, und dass Bedenken dieser Art wissenschaftlich nicht haltbar seien.

Wahr ist vielmehr: Es gibt bisher kaum unabhängige, kritische Forschung zu den Folgen des Einsatzes von Gentechnik in der Landwirtschaft. Wie beispielsweise der BUND immer wieder beklagt, wird etwa nirgends auf der Welt untersucht, wie sich der Verzehr gentechnisch veränderter Pflanzen auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Kein Wunder, denn 95 Prozent der Forschung im Bereich Gentechnik werden von der Industrie bezahlt. Eine Studie, die von einer Bundestagsabgeordneten [der Grünen] in Auftrag gegeben wurde, hat dabei gezeigt, wie eng die Verflechtungen zwischen der Gentechnik-Industrie, den nationalen und der europäischen Lebensmittelbehörde und Forschungsinstituten ist. Unabhängige Forschung sieht anders aus!

Trotzdem weist vieles auf gesundheitliche Risiken der Gentechnik hin, insbesondere das Entstehen neuer Allergien und den Aufbau neuer Antibiotikaresistenzen. Viel deutlicher treten bereits jetzt die negativen Umweltfolgen des Einsatzes der Gentechnik in Flora und Fauna zutage, die ich ja bereits kurz erwähnt habe. Zudem hat die FAO gerade im letzten Monat eine Studie veröffentlicht, die nachweist, dass immer mehr konventionelle Lebensmittel, vor allem Getreide, durch genetisch veränderte Organismen verschmutzt werden. Dies ist nicht nur Gründen des Umweltschutzes bedenklich. Es erhöht zugleich die Kosten der Gentechnik-freien Nahrungsmittelproduktion, denn im Zuge der Einführung von Gentechnik kommt es zu einer absurden Beweislastenumkehr. Während die Gentech-Landwirtschaft ihre Produkte einfach so vertreiben kann, muss die Gentechnik-freie Landwirtschaft in aufwendigen Kontroll- und Zertifizierungsverfahren nachweisen, dass sie auch wirklich frei von gentechnisch manipulierten Organismen ist. Das stellt einen klaren Wettbewerbsnachteil dar.

Kommen wir zum dritten Argument der Gentechnik-Lobby: Die Ernährung der ständig steigenden Weltbevölkerung kann nur mithilfe von gentechnisch manipuliertem Saatgut sichergestellt werden.

Dieses Argument wird unter anderem von Bill Gates vorgebracht. Der will mit der weltweit finanzstärksten Privatstiftung, der Melinda und Bill Gates-Stiftung, eine sogenannte Neue Grüne Revolution in Afrika starten. Durch den Einsatz von gentechnisch manipuliertem Saatgut sowie neuen Dünge- und Spritzmitteln will Gates die Nahrungsmittelproduktion in Afrika deutlich erhöhen und eine Selbstversorgung des Kontinents mit Nahrungsmitteln sicherstellen.

Vorbild für die Neue Grüne Revolution in Afrika ist die Grüne Revolution in Indien in den 70er Jahren. Damals haben sich westliche Forschungsinstitute und Agrarkonzerne unter Federführung der Rockerfeller-Stiftung zum Ziel gesetzt, durch den Einsatz von Hochertragssorten und chemischen Dünge- und Spritzmitteln den Hunger auf der Welt ein für alle mal zu beseitigen. In der Tat konnten die Produktionsmengen dadurch auch erhöht werden. Schauen wir uns allerdings die Situation in Indien heute an, fällt die Bilanz der Grünen Revolution ernüchternd aus: Noch immer hungern in Indien 200 Millionen Menschen. Zudem ist die Selbstmordrate unter indischen Bauern eine die höchste der Welt. Was ist da schief gelaufen?

Die Grüne Revolution stellte einen Versuch dar, Probleme der ländlichen Entwicklung und die daraus resultierenden sozialen Spannungen allein mit technischen Mitteln zu lösen. Damit wollte man auch das Vordringen von sozialistischen Ideen und Idealen in den Entwicklungsländern bekämpfen. Der Begriff Grüne Revolution war bewusst gewählt: Er richtete sich explizit gegen „Rote Revolutionen“ in Ländern wie Kuba oder Vietnam. Statt die zentrale Ursache des Hungers zu bekämpfen – nämlich die ungleichen Besitzverhältnisse in den Entwicklungsländern und die ungerechten Wirtschaftsbeziehungen zwischen erster und dritter Welt – versuchte man, den Entwicklungsländer ein westliches, industrielles Agrarmodell überzustülpen. Man könnte auch sagen, das Motto war: industrielles Saatgut statt Landreform!

Doch Grüne Revolution hat die meisten indischen Bauern abhängig vom westlichen Agrobusiness gemacht und oft in den Ruin gestürzt. Um die Kredite, mit denen sie Saatgut, Dünge- und Spritzmittel erworben haben, zurückzuzahlen, müssen sie ständig mehr produzieren. Allerdings werden die Böden durch den massiven Einsatz chemischer Inputs immer weiter ausgelaugt, die Produktivität der Böden sinkt. Das macht den Zukauf von weitern Produkten des Agrarindustrie nötig, was die Verschuldung weiter erhöht. Ein Teufelskreis, dessen trauriges Gesicht die massenhaften Selbstmorde von indischen Bauern in den letzten Jahren geführt hat.

Der Einsatz der Gentechnik in den Ländern des Südens droht genau dieses Muster 40 Jahre später zu wiederholen. Gentechnisch-manipuliertes Saatgut können Bauern nicht selbst reproduzieren, sie müssen es jedes Jahr wieder von neuem kaufen. Das gleiche gilt natürlich für die dazugehörigen Spritzmittel wie Roundup von Monsanto. Auch hier entstehen also wieder neue Abhängigkeiten mit leider nur allzu absehbaren Folgen. Ich zitiere hier aus einem Bericht des UN-Menschenrechtsausschusses aus dem Jahr 2008, der darauf hinweist, dass der Einsatz von gentechnisch-verändertem Saatgut die Situation der indischen Bauern keineswegs verbessert, sondern die Situation noch verschlechtert hat:

„Das Kommittee ist tief besorgt, dass die extreme Not, die die Farmer erleiden müssen, zu einer steigenden Häufigkeit von Farmer-Selbstmorden über die vergangene Dekade geführt hat. Das Kommittee ist besonders besorgt, dass die extreme Armut unter den Kleinbauern, verursacht durch den Mangel an Land, Zugang zu Krediten und adäquaten ländlichen Infrastrukturen, durch die Einführung von genetisch verändertem Saatgut durch multinationale Konzerne und  die  daraus resultierende Preiseskalation bei Saatgut, Dünger und Pestiziden [..], verschlimmert wurde.“

Der UN-Menschenrechtsausschuss fordert Indien daher auf, den Zugang von Bauern zu vermehrungsfähigem Saatgut sicherzustellen. Denn dieses Saatgut können sie wiederverwenden und damit zugleich die Abhängigkeit von multinationalen Konzernen beenden.

Der Einsatz von genmanipuliertem Saatgut in der Entwicklungshilfe ist sicherlich ein gutes Geschäft für Monsanto, Bayer oder BASF, die die Melinda und Bill Gates-Stiftung bei ihrem Versuch, eine neue Grüne Revolution zu starten, tatkräftig unterstützen, aber sie werden den Hunger auf dieser Welt und die Probleme des ländlichen Raumes nicht lösen.

Der Schlüssel für eine erfolgreiche Hungerbekämpfung sind nicht die Gentechnik-Lügen der Konzerne, sondern eine unabhängige, kleinbäuerliche Produktion. Bis heute stellen Kleinbauern 70 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel her, während sie dafür nur 30 Prozent der in der Landwirtschaft eingesetzten Energie - vor allem durch den Einsatz von Erdöl – verwenden. Umgekehrt heißt das: Die industrielle Landwirtschaft produziert trotz aller Heilsversprechungen des Agrobusiness nur 30 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel, frisst aber 70 Prozent der in der Landwirtschaft eingesetzten Energie. Um die kleinbäuerliche Produktion zu unterstützen brauchen wir aber politische Veränderungen – wie Landreformen und eine gerechte Weltwirtschaftsordnung – und keine Heilsversprechungen der Gentechnik-Unternehmen.

Wenn Gentechnik-Befürworter ihren Gegner also vorwerfen, dass sie technologie- und fortschrittsfeindlich sind, würde ich vehement antworten:

NEIN! Ich bin weder technologie- noch fortschrittsfeindlich. Die Frage, die wir aber stellen müssen, ist: Wem nützt der Einsatz einer bestimmten Technologie? Welcher Fortschritt ist damit überhaupt verbunden, und vor allem: Für wen? Wenn wir diese Fragen bei der Analyse der sogenannten „Grünen Gentechnik“ ins Zentrum stellen, dann ist schnell klar, dass die Gentechnik nicht Teil einer zukunftsfähigen, sozial gerechten Landwirtschaft sein kann.

 

 

 

 

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