Lehrjahre sind keine Herrenjahre?

13.05.2013, Presseecho

Wie Beschäftigungssituation junger Menschen heute wirklich aussieht

Essener Morgen, S. 6-7, Niema Movassat, 01.05.2013

Laut Angaben des DGB wohnt mehr als jeder zehnte junge Mensch in Nordrhein-Westfalen in einem Haushalt, der auf Hartz4 angewiesen ist (Zahlen aus November 2012). Spitzenreiter ist Gelsenkirchen, unter den 25 Kreisen mit den höchsten SGB II-Quoten bei Jugendlichen findet sich auch Essen. Eine Studie des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe bestätigt: rund 223.000 Menschen zwischen 15 und 25 Jahren (10,7 Prozent) leben in sogenannten SGB II-Bedarfsgemeinschaften. Die Lebensperspektive dieser jungen Menschen sieht düster aus, denn wer einmal in das unerbittliche Räderwerk der deutschen Armutsverwaltung gerät, kommt selten wieder aus eigener Kraft heraus. Inzwischen sind in Deutschland etwa 77.300 junge Menschen unter 25 Jahren ohne Beschäftigung. Im Vergleich zum Vorjahr ist das bei der Jugendarbeitslosigkeit ein Anstieg um 5,5 Prozent.

Diese nackten Zahlen machen bereits deutlich: Jugendarbeitslosigkeit ist nicht nur in Spanien oder Griechenland ein Problem – wenngleich die Situation dort noch wesentlich dramatischer sind. Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich in diesen europäischen Nachbarländern bei über 50 Prozent. Selbstmordraten junger Menschen steigen, ganze Familien stehen ohne Perspektive auf der Straße, Armenspeisungen und Notunterkünfte werden der Lage kaum noch Herr.

Doch auch hierzulande ist die Arbeitsmarktsituation für junge Menschen mehr als angespannt: Jedes Jahr suchen zehntausende Schulabgängerinnen und -abgänger vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Nach aktuellen Zahlen gehen rund 22.000 Jugendliche jedes Jahr leer aus. Kein Wunder, denn nur noch jedes vierte Unternehmen in Deutschland bildet aus. Hinzu kommen Hunderttausende junge Menschen, die sich in sogenannten „Warteschleifen“ ohne berufliche Perspektive befinden. In den Arbeitslosenstatistiken der Bundes- und Landesregierungen tauchen diese Jugendlichen jedoch nicht mehr auf. Sie verbringen im Durchschnitt anderthalb Jahre in dieser Zwischenwelt und nur jeder zweite Jugendliche kann von dort in eine Ausbildung vermittelt werden. Das Verschleierungssystem fälscht also nicht nur die Statistik, es ist in der Arbeitsvermittlung zudem auch noch höchst inneffektiv.

Angesichts solcher Zahlen ist völlig unverständlich, weshalb große Betriebe in Deutschland nicht dazu verpflichtet werden, auszubilden. Junge Menschen, die schließlich doch in Beschäftigung kommen, sind in besonderem Maße von unzumutbaren Befristungen, Leiharbeit und Lohndumping betroffen. Viele Auszubildende werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, die fachliche Anleitung ist mangelhaft und Ausbildungspläne werden nicht eingehalten. Die Vergütung der Ausbildung reicht in einigen Branchen nicht einmal für den nötigen Lebensunterhalt, viele schulische Ausbildungen kosten sogar Gebühren. Davon sind insbesondere Frauen betroffen, etwa in den Berufen des Gesundheitswesens. Junge Migrantinnen und Migranten haben noch weniger Chancen auf eine Ausbildung. Doch die Bundesregierung weigert sich beharrlich, die Unternehmen per Gesetz zur Ausbildung zu verpflichten. Stattdessen hält sie an dem mit den Arbeitgebern geschlossenen Ausbildungspakt fest. Damit setzt sie lediglich auf Selbstverpflichtungen der Wirtschaft und macht Ausbildung abhängig von der Marktlage. Doch die sinkenden Ausbildungszahlen belegen: Dieser Pakt ist ein Scheitern in Serie. In der Wirtschaftskrise bricht der Ausbildungsmarkt ungebremst ein. Immer wieder aufs Neue wird dann beklagt, in Deutschland würde ein Fachkräftemangel herrschen. Geradezu reflexartig erscheint nach dieser Halbwahrheit die Bundesregierung auf dem Plan mit der Ankündigung, nun Fachkräfte im Ausland anwerben zu müssen.

Wir halten dagegen: Wer Fachkräfte braucht, der muss sie zuerst einmal selbst ausbilden und vor allem gut bezahlen, egal ob sie aus Deutschland oder aus dem Ausland kommen. Die verfehlte Finanzmarktpolitik der letzten Jahre darf nicht auf dem Rücken der Jugendlichen abgeladen werden. Deshalb fordert DIE LINKE tariflich abgesicherte und gut bezahlte Arbeitsplätze, einen gesetzlichen Mindestlohn und eine Ausbildungsplatzumlage. Statt wirkungsloser Versprechen bedarf es endlich bindender Gesetze. Alle Betriebe, die sich nicht an der Ausbildung junger Menschen beteiligen, sollen in einen Fonds einzahlen. Betriebe, die ausbilden, erhalten dann aus diesem Fonds Unterstützung. Damit alle Auszubildenden sich eine eigenständige Lebensführung leisten können, sind höhere Ausbildungsvergütungen und eine bessere Ausbildungsförderung notwendig.

Neben der beschriebenen schlechten Arbeitsmarktpolitik der Bundesregierung sind auch noch weitere Faktoren zu berücksichtigen, die die Situation junger Menschen erschweren. Mit den anstehenden doppelten Abiturjahrgängen und Schulabgängern wird die Ausbildungssuche zusätzlich belastet. Der Konkurrenzkampf unter den Auszubildenden wird steigen und zu vermuten ist, dass dann auch der Druck seitens der Betriebe auf die Auszubildenden weiter ausgedehnt wird: immer noch flexibler, mit noch weniger Verdienst sollen die jungen Menschen sein. „Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre“ hört man in diesem Zusammenhang immer wieder. Doch von sogenannten „Herrenjahren“, sind junge Menschen weiter entfernt, denn je! Wer heute das Glück hat, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, guckt noch lange nicht in eine planbare Zukunft. Zu sehr ist der Arbeitsmarkt von Lohndumping, Leiharbeit und unsicheren Arbeitsbedingungen geprägt, als dass zum Beispiel eine Familienplanung langfristig gesichert werden kann.

Die Arbeitssituation junger Mütter ist hierbei noch einmal als besonders prekär herauszustellen: Die Erwerbstätigkeit von jungen Frauen mit Kindern wurde in der alten Bundesrepublik über viele Jahre und mit wirksamen Mitteln gezielt verhindert. Fehlende Betreuungseinrichtungen für Kinder zwangen Frauen zu Hause zu bleiben oder eine private Betreuung zu organisieren und zu bezahlen. Dieses überkommene Frauenbild wirkt auch heute noch nach. In der öffentlichen Wertediskussion werden junge erwerbstätige Mütter immer noch mit dem Vorurteil der „Rabenmütter“ konfrontiert und ins moralische Abseits gestellt. „Rabenväter“ gibt es offenbar nicht. Alleinerziehende und ihre spezifischen Probleme werden in der Familienpolitik und in der Arbeitsmarktpolitik erst gar nicht mitgedacht. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beginnt am Arbeitsplatz! Das wurde viel zu lange vernachlässigt. Alleinerziehende sind in besonderem Maße auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen – an sie wird aber häufig als letztes gedacht.

Ein wesentlicher Schritt nach vorne wäre die Umsetzung dessen, was seit Ende des Jahres Gesetz ist: Ab 1. August 2013 sollen alle Kinder nach dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf eine Förderung (und einen Platz) in einer Kita oder bei einer Kindertagespflege erhalten. Viele finanzschwache Städte und Gemeinden warnen jedoch schon lange davor, die gesteckten Ausbauziele und die benötigten Kitaplätze nicht erreichen zu können. Erst kürzlich hat der Städte- und Gemeindebund festgestellt, dass in NRW mindestens 27.000 Kitaplätze für unter Dreijährige fehlen. Der ab dem 1. August 2013 gesicherte Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz wird also weit verfehlt werden – das ist absehbar. Auch die Stadt Essen hinkt beim Ausbau der Betreuung massiv hinterher. Die Angst vor Klagen ist daher auch groß, die Wartelisten für Kitaplätze lang. Um schnell viele Plätze zu schaffen, nimmt man vielerorts Qualitätseinbußen und Abstriche bei Standards wie der Außenfläche pro Kind hin. Größere Gruppen in Kitas und in der Tagespflege, sogenannte Platz-Sharing-Modelle, und die Umwandlung von Plätzen für über Dreijährige in solche für Unter-Dreijährige, zeugen von einer planlosen Politik auf Bundes- und Landesebene. Allein über die Folgen, überforderte Kinder und überlastete Erzieherinnen, spricht kaum jemand.

 


Erschienen im "Essener Morgen"

 

Tags Jugendpolitik Arbeitsmarkt