»Ich war ein Nintendo-Krieger«

21.03.2016, Diverses

Der ehemalige Drohnenpilot Brandon Bryant in Berlin. Linke-Abgeordnete über die Rolle der US-Basis Ramstein in der Tötungsmaschinerie

Der Andrang im Veranstaltungssaal der »Denkerei« in Berlin-Kreuzberg war groß. Am Mittwoch abend traf der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat (Die Linke) hier den ehemaligen Drohnenpiloten Brandon Bryant zum Podiumsgespräch. Mehrere hundert Menschen drängten in den Raum, um von Bryant aus erster Hand über die Rolle der US-Militärbasis in Ramstein als zentrale Drehscheibe im US-Drohnenkrieg und Details der Tötungsmaschinerie informiert zu werden.

In ihrer Eröffnungsrede sprach die die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Sahra Wagenknecht, über das Morden auf Basis von Tötungslisten, welches US-Präsident Barack Obama seit 2009 deutlich ausgeweitet hatte. »Terror kann nicht mit Bomben besiegt werden«, sagte sie. Vor Ort stärke dies hingegen Terroristen und führe nur zu noch mehr Hass. Die mittlerweile milliardenschwere Beteiligung Deutschlands an der Entwicklung von Drohnen verurteilte Wagenknecht.

John Goetz, der die investigative Serie »Der geheime Krieg« von NDR, Süddeutscher Zeitung und WDR produziert hatte, berichtete von seinen Recherchen. Aufgrund strengster Geheimhaltung des Drohnenprogramms wurden ihm erst durch seine Begegnung mit Brandon Bryant die Zusammenhänge klar: Komplexe technische Aspekte und eine unübersichtliche Befehls- oder Tötungskette seien ihm offenbar geworden. Bryant selbst schilderte eindringlich seine Erfahrungen als Drohnenpilot. Die Opfer – über die der einzelne Soldat bewusst keine Informationen erhalte – würden schlicht als Terroristen oder »Bad Guys« bezeichnet. Über einen Bildschirm habe er betrachten können, wie Menschen sterben, wie Angst und Schrecken bei den hinzukommenden Menschen am Tatort zu sehen sei – all dies sei für ihn »furchtbare Begleiterscheinung« geworden. »Es ist wie in einem Videospiel, ich war ein Nintendo-Krieger. Aber diese Opfer bekommen keine extra Leben«, erklärte Bryant.

Als Bryant während seiner Dienstzeit begonnen habe, über seine Erfahrungen und Alpträume zu sprechen, wollten seine Kollegen, Freunde und Fami­lienangehörigen davon nichts hören und meinten, dieser Krieg solle geheim bleiben. »Aber ich sah es als meine Pflicht an, über die Wahrheit hinter dem feigen Töten aus der Entfernung zu sprechen. Wir sollten nicht annehmen, dass Krieg irgendwelche Probleme löst. Es sollte okay sein, nein zu sagen.« Bryant forderte, dass die Bevölkerung über Militäreinsätze abstimmen sollte und alle Informationen nach dem Freedom-of-Information-Act der USA transparent sein sollten.

Niema Movassat thematisierte die Unwägbarkeiten der parlamentarischen Arbeit zu diesem Thema. Die Linksfraktion habe die Bundesregierung in etlichen Anfragen mit den schweren Vorwürfen konfrontiert. Das Verteidigungsministerium habe schließlich einen geheimen Fragenkatalog an die US-amerikanischen Verbündeten geschickt. Monatelang erkundigten sich linke Abgeordnete nach den Antworten, doch diese kamen nie. Nur die Versicherung, dass alles mit rechten Dinge zugehe. Die Bundesregierung verstecke sich bis heute hinter den Beteuerungen Washingtons. Von dort heiße es, dass in Ramstein weder Drohnen starten noch von dort aus gesteuert würden. Das behaupte aber auch niemand, erklärte Niema Movassat. Doch wegen der Erdkrümmung müssten alle Daten über Ramstein laufen, da sonst die für die Drohneneinsätze benötigten Steuerungssignale nicht in Echtzeit von den USA aus gegeben werden könnten. Die Mitwirkung Deutschlands am maschinellen Töten sei somit nicht zu leugnen.

Die Publikumsgäste diskutierten lebhaft über mögliche Formen des Widerstands gegen den Drohnenkrieg, am 11. Juni etwa sollen umfangreiche Proteste in Ramstein stattfinden. Trotz teils unterschiedlicher Auffassungen zu anderen Punkten forderten die Anwesenden, dass Ramstein geschlossen, der Drohnenkrieg sofort beendet und die Aufmerksamkeit der Bevölkerung endlich verstärkt auf dieses Thema gelenkt werden müsse.

Dr. Birgit Bock-Luna

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