Gastartikel im ND: In Westafrika droht eine weitere Hungersnot

22.11.2011, Dienstreiseberichte

Neues Deutschland, 22.11.2011, Niema Movassat

Weltgemeinschaft muss jetzt reagieren, um Katastrophe zu verhindern

Die schrecklichen Bilder vom Horn von Afrika sind nach wie vor aktuell. Noch immer hungern dort mehr als 13 Millionen Menschen. Ein Horrorszenario, das sich in der Sahelzone bald wiederholen könnte, wenn die internationale Gemeinschaft nicht bald handelt.

Weite Regionen im südlichen Somalia sind seit Juli 2011 zum Hungernotstandsgebiet erklärt. Nun bahnt sich eine weitere Krise an. Diesmal in der Sahelzone - in Niger, in Tschad, Burkina Faso, Mauretanien und Mali. Aufgrund später und geringer Regenfälle und daraus folgenden enormen Ernteausfällen ist schon heute klar, dass es im Frühjahr 2012 zu einer gravierenden Knappheit von Nahrungsmitteln kommen wird. Dies war das Fazit meines Besuchs in Mali und Niger Anfang November im Rahmen einer Delegationsreise deutscher Parlamentarier.

Noch spricht die malische Regierung davon, die Ernährungslage sei »unter Kontrolle« und eine Notsituation werde nicht eintreten. Doch die malischen Experten in den zuständigen Institutionen widersprechen der Regierung. Und der nigrische Premierminister Brigi Rafini schlug bei unserem Besuch Alarm. Um die größte Not zu lindern, seien bereits im Frühjahr 2012 Getreidelieferungen an die lokale Bevölkerung im Umfang von 500 000 Tonnen nötig. Die Reserven seien deutlich geringer. Laut der in Niger arbeitenden deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, GIZ, sind momentan nur rund 45 000 Tonnen Getreide in Niger eingelagert. Da die laufende Ernte ebenfalls sehr viel geringer als üblich ausfällt, könnten die Vorräte nach optimistischen Schätzungen auf höchstens 100 000 Tonnen aufgestockt werden.

Schätzungen der Deutschen Welthungerhilfe zufolge sind in der Region insgesamt rund sechs Millionen Menschen stark hungergefährdet. Aktuell hat das Welternährungsprogramm WFP eine Warnung für Mauretanien herausgegeben, wo die diesjährige Ernte 40 Prozent unter dem Fünf-Jahresschnitt liegt. In Niger plant das WFP auf Regierungsanfrage ein Notversorgungsprogramm für zunächst 750 000 Menschen.

Wie zuvor in Ostafrika sind nach Auskunft aller Experten neben dem ausbleibenden Regen auch die gestiegenen Nahrungsmittelpreise einer der Krisenauslöser. Die Preise für Nahrungsmittel im Sahel sind laut Welthungerhilfe im Vergleich zum Vorjahr bereits jetzt um durchschnittlich 30 Prozent gestiegen - in Burkina Faso laut Misereor sogar um über 60 Prozent. Sobald es zu Engpässen kommt, werden Spekulanten an den Agrarbörsen auf weiter steigende Preise wetten und so die Spirale weiter hochschrauben, um ihr Geschäft mit dem Hunger zu machen. Bei Gesprächen in Mali spielte auch die Problematik des Land Grabbings, des großflächigen Landverkaufs an ausländische Unternehmen, eine Rolle. Beispielhaft in Mali ist das umstrittene Malibya-Projekt, bei dem sich die damalige libysche Regierung die Boden- und Wasserrechte an 100 000 Hektar Land auf Kosten von Kleinbauern gesichert hatte.

In der Sahelzone besteht akuter Handlungsbedarf. Konkret müssen die Getreidespeicher aufgefüllt werden, vorzugsweise mit Vorräten aus der Region, zur Not mit Hilfe des WFP durch Importe. Dann muss in Bedarfsregionen mit der Verteilung von Nahrungsmitteln begonnen werden. Schließlich muss Saatgut an die Bevölkerung verteilt werden, um eine Aussaat Anfang 2012 zu gewährleisten und späteren Notsituationen vorzubeugen. Geschieht dies nicht, werden sich die schrecklichen Bilder vom Horn von Afrika wiederholen.

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