Frankurter Rundschau: "Der Hunger steht vor der Tür"

10.06.2016, Presseecho

Frankfurter Rundschau, 10.06.2016, Tobias Schwab

Wie ein auch von Deutschland gefördertes Biosprit-Projekt in Sierra Leone als Investitionsruine endet und die Menschen um ihr Land und Einkommen bringt.

Es klingt wie ein Märchen – zu schön um wahr zu sein: Die Schweizer Firma Adday Bioenergy investiert fast eine halbe Milliarde Euro im westafrikanischen Sierra Leone, um in der Savanne Biosprit für Europa und nebenbei noch Energie für das Stromnetz eines der ärmsten Länder der Welt zu produzieren. Dafür pachtet das Unternehmen im Jahr 2008 von Kleinbauern rund 54 000 Hektar Land für den Anbau von Zuckerrohr, schafft 3800 Arbeitsplätze und gibt den Menschen ein Einkommen, baut Schulen und ein Krankenhaus, dazu eine Moschee. […]

Soweit der Plan und die Versprechen. Tatsächlich zieht Addax in Makeni, Hauptstadt der Nordprovinz von Sierra Leone, eine Zuckerrohrplantage von 10 000 Hektar auf, errichtet eine Fermentations- und Destillationsanlage für Bioethanol und ein Biomassekraftwerk. Doch nur ein gutes halbes Jahr lang produziert die Fabrik Agrartreibstoff für den europäischen Merkt, versehen mit dem umstrittenen Nachhaltigkeitszertifikat RSB.

Bereits im Herbst 2014 fährt Addax den Berieb wegen der Ebola-Epidemie herunter. Seit Mitte vergangenen Jahres steht die Anlage komplett still- und Kleinbauern wie die Beschäftigten der Investitionsruine vor dem Nichts. […] Dennoch wertet die deutsche Bundesregierung das Projekt und damit das Engagement der staatlichen DEG als Erfolg. Addax habe die „lokale physische und soziale Infrastruktur in Sierra Leone entwickelt“, heißt es in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, die der Frankfurter Rundschau vorliegt. Das gepachtete Land habe der Schweizer Investor „urbar gemacht und damit aufgewertet“. […]

Für die Linke im Bundestag ist der Fall mit Blick auf das Engagement des staatlichen Instituts DEG symptomatisch. „Die lokale Bevölkerung ist bisher zu oft Opfer und nicht Profiteur von DEG-Finanzierungen“, sagt Niema Movassat, Obmann der Fraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Bundesregierung müsse deren Mitspracherechte bei DEG-Projekten verpflichtend verankern.

Radikales Umdenken sei bei den Entwicklungsstrategien nötig. „Es ist ein Irrtum zu glauben, ländliche Räume könnten durch die Förderung großer Agrarfirmen in ihrer Entwicklung gefördert werden“, so Movassat. Forderungen, die die Linke auch in einem Antrag formuliert, der am 23. Juni im Bundestag debattiert wird.

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